Ist Trading Glücksspiel? So prüfst du, ob dein Ergebnis Zufall ist
9 Min. Lesezeit · Veröffentlicht am 28.10.2026
Glücksspiel ist ein Spiel mit negativem Erwartungswert ohne Einfluss auf die Chancen. Trading ohne Vorteil nach Kosten ist ihm mathematisch ähnlich. Durchschnittlich bringt es vor Kosten null, und nach Kosten verliert es im Schnitt so viel, wie ein Trade kostet. Trading mit einem Vorteil nach Kosten ist in diesem Sinn kein Glücksspiel. Die Frage lautet also nicht „ob“, sondern „unterscheidet sich deine Serie vom Zufall?“. Das lässt sich mit Zahlen prüfen.
Abkürzungen: R ist das Ergebnis eines Trades in Risikoeinheiten; −1 R bedeutet einen Verlust in Höhe des Abstands zum Stop. Erwartungswert ist das durchschnittliche Ergebnis eines Trades in einer langen Serie. Vorteil ist ein positiver Erwartungswert nach allen Kosten. p ist der Anteil der Ziehungen, in denen der Zufall allein ein mindestens so gutes Ergebnis brachte.
Experiment: 1.000 Trader ohne Vorteil
Wir haben die Ergebnisse von 1.000 „Tradern“ ausgelost, von denen keiner einen Vorteil hat. Jeder Trade endet mit einer Wahrscheinlichkeit von 40 % mit einem Gewinn von 1,5 R, sonst mit einem Verlust von 1 R. Vor Kosten ist das genau null: 0,4 × 1,5 − 0,6 × 1 = 0. Von jedem Trade haben wir Kosten von 0,05 R abgezogen, der Erwartungswert beträgt also −0,05 R. Das ist ein Spiel, so fair wie ein Münzwurf, nur mit einer Gebühr für jeden Trade. Jeder „Trader“ machte zuerst 50 Trades und danach weitere 200.
Nach 50 Trades lagen 347 von 1.000 im Plus. Mindestens +0,2 R pro Trade hatten 109, mindestens +0,4 R hatten 14. Der Beste gewann 31 von 50 Trades, also 62 %, und verdiente 25 R, im Schnitt +0,50 R.
Dann haben wir geprüft, wie es mit den oberen 10 % weitergeht, also mit den 100 Besten nach den ersten 50 Trades:
| die 100 Besten nach 50 Trades | erste 50 | weitere 200 |
|---|---|---|
| im Schnitt pro Trade | +0,28 R | −0,06 R |
| Trefferquote | 53 % | 40 % |
| im Plus | 100 von 100 | 18 von 100 |
Die übrigen 900 brachten in den weiteren 200 Trades im Schnitt −0,05 R pro Trade. Die Besten hatten also keinen Vorteil gegenüber dem Rest, nur einen besseren Start. Nach 250 Trades lagen 237 von 1.000 im Plus, also fast jeder vierte. Jeder zahlte in dieser Zeit 12,5 R an Kosten, und das Ergebnis lag im Schnitt bei −12 R.
Was der Rechner gezeigt hat. Die ersten 50 Trades des besten „Traders“ haben wir mit dem Code des Rechners „Glück oder Vorteil?“ berechnet, demselben wie auf der Website. Urteil: „Vorteil wahrscheinlich“, im Schnitt +0,50 R, 90-%-Intervall von +0,20 bis +0,80 R. Die Wahrscheinlichkeit, dass der wahre Durchschnitt positiv ist, schätzte der Rechner auf über 99 %. Ohne die 3 besten Trades blieben +20,7 R. Das Feld „Wie viele Trades nötig“ zeigte ≈ 25 und den Hinweis „Stichprobe reicht für diesen Durchschnitt“. In den weiteren 200 Trades brachte derselbe „Trader“ −0,04 R pro Trade und das Urteil „Kein Vorteil in diesen Daten“.
Die Rechnung des Rechners war korrekt. Bei einer einzelnen Serie, die ohne Auswahl geprüft wird, irrt er selten. Nach 50 Trades bekamen 45 von 1.000 Tradern ohne Vorteil das Urteil „Vorteil wahrscheinlich“, nach 250 nur noch 9. Bei mehr Ziehungen liegt der Anteil nach 50 Trades bei etwa 3 %. Wer aber den Besten von tausend auswählt, erwischt genau einen dieser 45. Nach 250 Trades behielt einer von ihnen das Urteil, weil er in den weiteren 200 wieder Glück hatte.
Vier Fragen, die einen Vorteil von Glück unterscheiden
1. Wie viele Trades hast du, und wie breit ist das Intervall? Ein Durchschnitt aus 50 Trades ist vor allem Rauschen. Der „Trader“ auf Platz 100 hatte +0,20 R, aber ein 90-%-Intervall von −0,10 bis +0,50 R, das also null einschloss. Der Rechner gab ihm das Urteil „Noch offen“ und zeigte, wie viele Trades nötig sind, um das zu entscheiden: ≈ 160. In den weiteren 200 Trades verlor dieser „Trader“ 20 R.
2. Hält das Ergebnis ohne die besten Trades? Einer der Gold-Signalkanäle, die wir abgerechnet haben, brachte auf 89 Signalen +0,068 R pro Signal. Ohne die fünf besten Signale fiel der Durchschnitt auf −0,043 R (Kapitel 45). Der Rechner zeigt das im Feld „Ohne die 3 besten“. Dieser Test erkennt ein Ergebnis, das an wenigen Treffern hängt, aber kein gleichmäßig verteiltes Glück. Unser bester „Trader“ bestand ihn mühelos.
3. Schlägt das Ergebnis Zufallseinstiege bei denselben Kosten? Ein Placebo hat dieselben Ausstiege und dieselben Kosten, aber zufällige Einstiegszeitpunkte. Indikatorpfeile, die wir auf 1.293 Einstiegen geprüft haben, brachten −0,30 R pro Trade, Zufallseinstiege −0,25 R (Kapitel 5). Das Signal war also schlechter als der Zufall, und den Rest des Verlusts verursachten die Kosten. Ein Placebo lost der Rechner nicht selbst aus. Du kannst aber die Ergebnisse von Zufallseinstiegen einfügen und mit deinen vergleichen.
4. Wie viele Versionen wurden geprüft, bevor diese gewählt wurde? Wir haben 1.344 Varianten einfacher Regeln durchgesehen. Von 1.273 Varianten mit mindestens 100 Trades lagen 268 im Plus, also 21 %. Der durchschnittliche Trade der gesamten Familie brachte dabei −0,060 R. Das Ergebnis der 13 besten schrumpfte in den Folgejahren im Schnitt um rund drei Viertel (Kapitel 7). Das ist der Preis dafür, die beste von vielen auszuwählen, der Kern von Overfitting. Der Rechner sieht nur die Serie, die du ihm zeigst. Ist es die beste von vielen Versionen, ist sein Intervall zu optimistisch, wie beim Besten unserer 1.000.
Was übliche Ratgeber nicht sagen
Eine hohe Trefferquote ist kein Vorteil. Ein Gold-Signalkanal mit über fünfjähriger Historie hatte eine Trefferquote von 47 %. Auf 1.080 Signalen brachte er −0,012 R pro Signal, also null (Kapitel 45). Unser bester „Trader“ traf in 62 % der Trades und hatte keinen Vorteil.
Der Anteil der Gewinner sagt nicht, wer einen Vorteil hat. Im Experiment ohne Vorteil lag nach 250 Trades fast jeder vierte im Plus. Dazu zeigen Ergebnislisten oft nur die, die überlebt haben. Auf einer Liste von Signalen zum Kopieren erfüllten 11 von 1.920 Einträgen die grundlegenden Qualitätsbedingungen. Signale, die gescheitert waren, standen nicht mehr auf der Liste (Kapitel 44).
Ein Vorteil kann echt und trotzdem zu klein sein. Wir haben Carry geprüft, also den Kauf von Währungen mit hohem Zinssatz gegen solche mit niedrigem. Die Regel wählte die Seiten der Paare besser als der Zufall: Placebo p = 0,004. Eine zufällige Wahl schnitt nur in 4 von 1.000 Ziehungen mindestens ebenso gut ab. Die Strategie verdiente jedoch 2,9 % pro Jahr, und ihr Drawdown, also der Rückgang vom Höchststand, erreichte 37,6 %. Nach einer Senkung des Risikos auf ein erträgliches Niveau blieben 0,2 % pro Jahr (Kapitel 38).
Dieselben Tests können ein Ergebnis auch bestätigen. Ein Signal zum Kopieren hatte auf 978 Einstiegen nach unseren Kosten eine Gewinnsumme, die 1,88-mal so groß war wie die Verlustsumme. Ein Test mit zufällig gezogenen ganzen Tagen ergab p = 0,0005 bei einer Schwelle von 0,05. Das Ergebnis war also echt (Kapitel 44). Einen Vorteil gibt es, man muss ihn nur nachrechnen, statt ihn auf einem Screenshot zu sehen.
Prüf es bei dir
Rechner „Glück oder Vorteil?“. Lade einen Bericht der Handelsplattform hoch, füge Ergebnisse in R im Reiter „Ergebnisse einfügen“ ein oder wähle den Reiter „Aus dem Tagebuch“. Lies das Ergebnis in dieser Reihenfolge:
- Urteil und 90-%-Intervall: „Vorteil wahrscheinlich“ erscheint nur, wenn das ganze Intervall über null liegt; unter 20 Trades lautet das Urteil „Zu wenige Trades“;
- „Ohne die 3 besten“: ob die Summe an wenigen Trades hängt;
- „Wie viele Trades nötig“: ab wie vielen Trades sich dein Durchschnitt bei deiner Streuung von null unterscheiden lässt;
- „Längste Verlustserie“ und „Drawdown“: ob sie zu deiner Trefferquote und zu zufälligen Reihenfolgen derselben Trades passen.
Bevor du dem Urteil glaubst, beantworte Frage 4. Eine Serie, die nach einer guten Phase ausgewählt wurde oder die beste von mehreren Versionen ist, überzeichnet das Ergebnis. Dann heißt „Vorteil wahrscheinlich“ nur, dass es sich lohnt, neue Trades zu sammeln, ohne die Regeln weiter zu ändern.
Trading-Tagebuch. Hat das Tagebuch auf diesem Gerät Trades mit Ergebnis in R, lädt der Rechner sie statt des Beispiels von selbst. Im Feld „Was prüfen“ wählst du „Gesamte Historie“ oder eine einzelne Strategie. Trades ohne R lässt der Rechner weg und nennt ihre Anzahl. Halte im Reiter „Strategien“ des Tagebuchs jede Regeländerung als neue Strategie fest. Das Tagebuch erinnert selbst daran, dass eine Regeländerung unterwegs eine Zählung von vorn bedeutet. So weißt du, wie viele Versionen du geprüft hast, und beurteilst jede einzeln.
Fragen
Ist Trading rechtlich gesehen Glücksspiel?
Das ist eine Rechtsfrage, und die Antwort hängt vom Land ab. Meist regeln getrennte Vorschriften Glücksspiele und den Handel mit Finanzinstrumenten. Wir geben keine Rechts- oder Steuerberatung. In diesem Text geht es um die Mathematik des Ergebnisses.
Wie viele Trader verdienen Geld?
Eine verlässliche Zahl für alle Märkte haben wir nicht, und fremde Schätzungen geben wir nicht wieder. In der Europäischen Union nennen CFD-Anbieter in ihrem Risikohinweis den Anteil der Privatkundenkonten, die Geld verlieren. Diese Zahl sagt aber nicht, wer einen Vorteil hat. In unserem Experiment ohne Vorteil lag fast jeder vierte im Plus.
Nach wie vielen Trades weiß ich, ob ich einen Vorteil habe?
Das hängt von der Größe des Vorteils und der Streuung der Ergebnisse ab. Der Rechner nutzt die Formel (2 × Streuung ÷ Durchschnitt)², wobei die Streuung die Standardabweichung der Ergebnisse ist. Bei einer Streuung von 1,22 R wie im Experiment braucht ein Durchschnitt von +0,2 R rund 150 Trades, +0,1 R rund 600. Ist die Serie die beste von vielen Versionen, entscheiden erst neue Trades, die nach der Auswahl aufgezeichnet wurden.
Bedeutet eine hohe Trefferquote einen Vorteil?
Nein. Die Nullgrenze hängt vom Verhältnis zwischen Gewinn und Verlust ab. Bei einem Gewinn von 1,45 R und einem Verlust von 1,05 R liegt sie bei 42 % Treffern. Bei einem Gewinn von 0,5 R und einem Verlust von 1 R braucht es schon 67 %. Entscheidend ist das durchschnittliche Ergebnis in R nach Kosten, nicht der Anteil der Treffer.
Bildungsinhalt, keine Anlage- oder Rechtsberatung. Vergangene Ergebnisse sind keine Garantie für künftige. Das Münzexperiment ist eine Simulation mit einer angenommenen Verteilung der Ergebnisse, keine Historie echter Konten. Die Zahlen aus den Tests beschreiben unsere Rekonstruktionen von Strategien, auf Basis unserer Daten und unserer Kosten.