Repainting: Pfeile, die wieder verschwinden
9 Min. Lesezeit · Veröffentlicht am 27.10.2026
Der Indikator zeichnet einen Pfeil, und der Chartverlauf sieht aus wie aus dem Lehrbuch: Die Pfeile stehen kurz vor der Bewegung. Wir haben gemessen, was ein Trader bekommt, der in dem Moment einsteigt, in dem der Pfeil erscheint. Dieselben Signale ergaben auf der gespeicherten Historie einen PF von 1,33, auf echten Ticks dagegen PF 0,54, also −0,30 R pro Trade. Den Unterschied machen Pfeile, die etwa eine Minute leben und dann aus der Historie verschwinden.
R ist das Ergebnis in Risikoeinheiten (−1 R = ein Verlust in Höhe des Abstands zum Stop). PF (Profit-Faktor) ist die Summe der Gewinne geteilt durch die Summe der Verluste; unter 1,00 verliert die Strategie.
Hypothese
Getestet haben wir einen kostenpflichtigen Pfeil-Indikator auf einem Renko-/Brick-Chart. Auf einem solchen Chart hat jede Kerze unabhängig von der Zeit dieselbe Preisspanne. Die Bricks sollen das Rauschen herausfiltern, und der Pfeil soll den Einstiegszeitpunkt anzeigen, sobald die Richtung bestätigt ist. In ihrer stärksten Form lautet die Hypothese: Ein Pfeil, der auf einem geschlossenen Brick sichtbar ist, liefert auf Bitcoin (BTCUSD) einen positiven Richtungsvorteil, gemessen in R, nach realen Kosten und bei einem im Voraus festgelegten Ausstieg.
Die Richtung haben wir vor dem Start festgelegt: Wir erwarten ein positives Ergebnis. Ein negatives Ergebnis beendet das Thema. Das Signal im Nachhinein „umzudrehen“, kommt nicht in Frage.
Pfeil-Indikatoren werden mitunter als „ohne Repainting“ beschrieben. Eine solche Aussage übernehmen wir nicht ohne Messung, ganz gleich, von wem sie stammt.
So haben wir es geprüft
Was genau wir gemessen haben. Gemessen haben wir ausschließlich den Pfeil als Einstiegssignal. Das gesamte kostenpflichtige Paket mit seinen übrigen Modulen und Einstellungen haben wir nicht getestet, denn eine Sammlung vieler Module, von denen im Nachhinein immer eines „passt“, lässt sich nicht redlich widerlegen.
Ohne Backtest. Eine Brick-Historie gab es erst ab dem Start des Chartgenerators, und die Regel, nach der der Pfeil gezeichnet wird, ließ sich nicht auslesen, weil die Indikatordatei verschlüsselt ist. Übrig blieb ein Vorwärtstest. Ein Programm zeichnete die Signale live auf; ausgewertet haben wir sie offline, ohne eine einzige Order.
Der Ausstieg stand im Voraus fest, in zwei Varianten, die vor dem ersten Signal schriftlich festgehalten wurden: - A: Stop und Ziel im selben Abstand, 0,63 Brick-Höhen (die Einstellungen aus einer fertigen Konfiguration, die uns vorlag, umgerechnet auf Bricks); - B: derselbe Stop, das Ziel doppelt so weit entfernt (1,27 Bricks).
Ein Brick maß etwa 32–40 USD, der Stop lag also bei etwa 20–25 USD. Allein der Spread auf Bitcoin hatte einen Median von etwa 5 USD. Die Kosten betrugen damit grob ein Fünftel bis ein Viertel des Risikos pro Trade.
Repainting-Test. Rund 50 Stunden lang haben wir alle 15 Minuten sämtliche Pfeile vom Chart gespeichert und aufeinanderfolgende Snapshots verglichen. Verändert hatten sich 0,68 % der Pfeile, also weniger als die Schwelle von 1 %; der Test galt damit als bestanden. Der Redlichkeit halber fügen wir hinzu, dass wir das erste Messfenster für ungültig erklärt haben, nachdem wir das schlechte Ergebnis gesehen hatten. In diesem Fenster war das Terminal neu gestartet worden, und der Indikator hatte die Historie neu berechnet. Diese Entscheidung fiel erst nach dem Ergebnis, und wir haben sie offen protokolliert; die Schwellen blieben unverändert. Wie sich später zeigte, maß dieser Test etwas anderes, als wir dachten.
Messinstrument Nr. 1: die Historiendatei des Terminals. Die ersten 59 Signale haben wir auf Kerzen aus der Historiendatei (.hst) ausgewertet. In Variante A ergaben sich eine Trefferquote von 72,9 % und im Schnitt +0,21 R, was nach einem Vorteil aussah. Dieselben Signale auf Ticks aus einem zweiten Terminal ergaben eine Trefferquote von 39–44 % und im Schnitt −0,12 bis −0,22 R. Deshalb haben wir das Hauptmessinstrument auf Ticks umgestellt. Das ist genau der Preisstrom, den ein automatisches Handelssystem auf dem Ausführungskonto sehen würde.
Messinstrument Nr. 2: der Moment des Erscheinens. Wir haben gemessen, dass ein Pfeil im Schnitt 7,4 Minuten nach dem Schluss seines Bricks sichtbar wird. Zu diesem Zeitpunkt hat sich der Kurs bereits um etwa 0,88 Bricks in Signalrichtung bewegt. Ein Einstieg „zum Schluss des Bricks“ wäre also ein Blick in die Zukunft gewesen. In der endgültigen Version scannte das Programm den Chart etwa alle 2 Sekunden und hielt fest, wann jeder Pfeil erschien, auch bei den Pfeilen, die später wieder verschwanden. Den Einstieg haben wir ab dem ersten Tick nach diesem Moment gerechnet: Kauf zum Ask, Verkauf zum Bid.
Kontrollen. Das Placebo bestand aus Zufallseinstiegen mit derselben Verteilung der Uhrzeiten und demselben Ausstieg: 6.464 Ziehungen auf 1,54 Mio. Ticks. Dazu kam eine Permutation in Tagesblöcken mit 2.000 Ziehungen. Das Abbruchkriterium hatten wir vorab eingefroren: Ein durchschnittliches R unter null bei mindestens 60 Signalen beendet das Thema, und die Prüfstichprobe bleibt unangetastet.
Ergebnis
| 16.–22.09.2026, Auswertung auf Ticks | Variante A | Variante B |
|---|---|---|
| Anzahl Einstiege | 1.293 | 1.293 |
| Trefferquote | 35,1 % | 24,5 % |
| Durchschnitt je Trade | −0,298 R | −0,261 R |
| PF | 0,54 | 0,65 |
| PF ohne die 3 besten | 0,54 | 0,65 |
| Zufallseinstiege (Placebo) | −0,246 R | −0,219 R |
| derselbe Datensatz auf der Historiendatei | PF 1,33 | PF 1,67 |
Die Schwelle von 60 Signalen haben wir mehr als zwanzigfach übertroffen. Der Pfeil schnitt schlechter ab als ein Zufallseinstieg zur selben Uhrzeit, um 0,05 R in Variante A und um 0,04 R in Variante B. Die Permutation ergab p = 1,00 bzw. 0,99: Wer die Richtung ganzer Tage zufällig umdrehte, erzielte ein mindestens ebenso gutes Ergebnis wie das Signal. Beide Wochen endeten im Minus. Ohne die drei besten Trades ändert sich der PF nicht, denn der Verlust ist gleichmäßig verteilt und nicht die Folge einiger weniger unglücklicher Ereignisse.
Drei Zahlen erklären die Diskrepanz zwischen Historie und Ticks: - der Median der Lebensdauer eines verschwindenden Pfeils liegt bei 1 Minute: Die Hälfte dieser Pfeile verschwindet in weniger als einer Minute, 92 % in weniger als 15 Minuten; - unser Repainting-Test mit Snapshots alle 15 Minuten bekam nur 8 % der verschwundenen Pfeile zu sehen, weil der Rest zwischen zwei Snapshots auftauchte und wieder verschwand; - die Pfeile, die verschwanden (581), hatten einen PF von 0,27, die gebliebenen (712) einen PF von 0,86.
Warum es nicht funktioniert
Die Historie zeigt nur die Überlebenden. In der Historiendatei bleiben die Pfeile, die überlebt haben. Diejenigen, die innerhalb einer Minute verschwanden, sind überwiegend jene, nach denen der Kurs in die Gegenrichtung lief. Die Historie bewahrt also den besseren Teil der Signale auf, während ein Trader, der beim Erscheinen des Pfeils einsteigt, beide Teile bekommt. Im Chart sieht die Strategie im Nachhinein hervorragend aus, weil die verlorenen Signale daraus verdampft sind.
Den Pfeil bestätigt der künftige Kurs. Der Pfeil erscheint, wenn die Bewegung schon läuft, und verschwindet, wenn sie sich nicht fortsetzt. Gemessen ab dem Schluss des Bricks stand der Kurs nach 5 Minuten in 77 % der Fälle auf der Seite des Pfeils. Gemessen ab dem Moment, in dem der Pfeil zu sehen war, nur noch in 55 %. Gewöhnliche Bricks ganz ohne Indikator, ausgewählt nur deshalb, weil der Kurs danach weiterlief, kamen auf 75 %. Der Pfeil beschreibt zu einem großen Teil, was bereits geschehen ist.
Selbst das Wissen ums Überleben reicht nicht. Wer im Voraus wüsste, welche Pfeile im Chart stehen bleiben, und nur diese handelte, käme auf PF 0,86, also weiterhin auf einen Verlust.
Die Geometrie verliert gegen die Kosten. Bei einem Stop von 0,63 Bricks entscheidet fast jeden Trade der nächste Brick. Das ist eine Wette auf die Richtung einer einzigen Kerze, abzüglich eines Spreads, der ein Fünftel bis ein Viertel des Risikos auffrisst. Deshalb verlieren auch Zufallseinstiege (etwa −0,25 R), und ein umgedrehter Pfeil würde das Ergebnis nicht retten. Das Problem ist nicht das Vorzeichen des Signals, sondern das Verhältnis zwischen der Reichweite der Bewegung und den Kosten.
Ein Messinstrument, das ein Phänomen nicht sieht, zeigt ein sauberes Ergebnis. Unser Repainting-Test war sorgfältig durchgeführt, nur war seine Auflösung (15 Minuten) 15-mal gröber als die Lebensdauer eines Pfeils (1 Minute). Das Ergebnis „0,68 % Änderungen“ stimmte für das, was das Instrument sah: Auf geschlossenen, bestätigten Bricks änderten sich Richtung und Kurs der Pfeile nicht. Daraus durfte man aber nicht schließen, dass der Indikator nicht repaintet.
Die Lehre für dich
Einen Pfeil-Indikator beurteilt man nach dem, was im Moment der Entscheidung zu sehen ist, und nicht nach dem, was abends noch im Chart steht. Ein Screenshot aus der Historie, ob dein eigener oder ein fremder, ist kein Beweis, auch dann nicht, wenn sich die Pfeile „auf geschlossenen Kerzen nicht ändern“.
So prüfst du das bei dir:
- Nimm ein paar Tage lang den Bildschirm auf oder protokolliere die Pfeile im Moment ihres Erscheinens, mit Uhrzeit und Kurs. Vergleiche das abends mit der Historie: Wie viele Pfeile sind verschwunden, und wie wären die Einstiege auf sie ausgegangen?
- Rechne den Einstieg ab dem Moment, in dem das Signal sichtbar war, zu dem Kurs, den du wirklich hättest bekommen können, und nicht ab dem Schluss der Kerze, auf der der Pfeil „steht“.
- Rechne ein Placebo: Zufallseinstiege zu denselben Uhrzeiten, mit demselben Stop, demselben Ziel und denselben Kosten. Verliert das Placebo genauso viel wie das Signal, liegt das Problem bei den Kosten und nicht beim Signal.
- Rechne die Kosten als Prozentsatz des Stops. Liegen sie im zweistelligen Prozentbereich, müsste das Signal außergewöhnlich treffsicher sein, um auch nur bei null herauszukommen.
- Passe die Messfrequenz an das Phänomen an. Prüfe Repainting alle paar Sekunden, nicht jede Viertelstunde.
Halte im Trading-Tagebuch die Uhrzeit fest, zu der du das Signal tatsächlich gesehen hast, und den Einstiegskurs. Nach einigen Dutzend Trades zeigt dir der Rechner „Glück oder Vorteil?“, ob sich das Ergebnis vom Zufall unterscheidet. Das Ergebnis dieser Strategie selbst, ohne den Aspekt der Messung, beschreiben wir auch im Kapitel über Pfeile auf dem Brick-Chart.
Bildungsinhalt, keine Anlageberatung. Vergangene Ergebnisse sind keine Garantie für künftige. Wir beschreiben das Ergebnis unserer Rekonstruktion, also die Messung eines einzelnen Elements (des Pfeils als Einstiegssignal), auf Basis unserer Daten und unserer Handelskosten. Es ist keine Bewertung des gesamten Produkts.