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Strategie-Friedhof, Kapitel 12 — Formationen und Niveaus im Chart

Runde Zahlen als Unterstützung und Widerstand: acht Instrumente, acht Niederlagen

11 Min. Lesezeit · Veröffentlicht am 28.10.2026

Trader mögen runde Zahlen: Dort platzieren sie häufiger ihre Gewinnmitnahme-Orders und direkt dahinter ihre Stops. Untersuchungen echter Orders einer Devisenbank von der Jahrtausendwende haben gezeigt, dass das kein Mythos ist. Wir haben geprüft, ob sich damit heute Geld verdienen lässt, auf Gold, sechs Indizes und dem Paar USD/JPY in den Jahren 2018–2023. Eine Limit-Order an der nächsten runden Zahl in Trendrichtung verlor nach Kosten auf allen acht Instrumenten (PF 0,83–0,93), und nach der Korrektur für acht Tests erwiesen sich runde Zahlen nicht als besser als zufällige Niveaus in derselben Entfernung.

Abkürzungen: Limit ist eine wartende Order, die unter dem aktuellen Kurs kauft (oder darüber verkauft) und erst ausgeführt wird, wenn der Kurs sie erreicht. R ist das Ergebnis in Risikoeinheiten (−1 R = ein Verlust in Höhe des Abstands zum Stop). PF (Profit-Faktor) ist die Summe der Gewinne geteilt durch die Summe der Verluste; 1,00 bedeutet null. ATR ist die durchschnittliche Spanne einer Kerze, also ein Maß für die Volatilität. H1 und M5 sind Stunden- und Fünfminutenkerzen. Placebo ist dasselbe Verfahren auf Niveaus, die nicht rund sind.

Hypothese

Eine runde Zahl ergibt sich nicht aus der Kursgeschichte. Niemand leitet sie aus Hochs und Tiefs ab, sie lässt sich einfach leicht merken und eintippen. Deshalb platzieren so viele Menschen dort ihre Orders. Das unterscheidet diese Idee von gewöhnlichen Unterstützungen und Widerständen aus dem Chart, die in unseren früheren Tests mehrmals gescheitert sind.

Hinter der Idee stehen konkrete Untersuchungen. Carol Osler zeigte in einer Arbeit aus dem Jahr 2000, veröffentlicht von der Federal Reserve Bank of New York, dass die von sechs Firmen veröffentlichten Unterstützungs- und Widerstandsniveaus besser als zufällige Niveaus die Stellen anzeigten, an denen Intraday-Trends am Devisenmarkt endeten. In einer Arbeit aus dem Jahr 2003 (Journal of Finance) schaute sie sich die Orders selbst an: Sie analysierte fast 9.700 Orders einer großen Devisenbank aus den Jahren 1999–2000 auf drei Währungspaaren. Gewinnmitnahme-Orders ballten sich genau auf runden Zahlen, Stop-Orders direkt dahinter. Daraus ergibt sich das Lehrbuchbild: An einer runden Zahl kehrt der Kurs häufiger um, und nach ihrem Durchbruch beschleunigt er sich, weil die Stops anderer ausgelöst werden.

Unsere Hypothese, vor dem ersten Durchlauf eingefroren, lautete: Eine Limit-Order in Trendrichtung an einer runden Zahl, die höchstens 2 ATR(H1) vom Kurs entfernt liegt, liefert nach Kosten einen PF von mindestens 1,25. Sie schneidet außerdem besser ab als derselbe Mechanismus an einem zufälligen Niveau in derselben Entfernung und besser als ein Einstieg zum Marktpreis im Moment der Entscheidung.

Unsere Erwartungen haben wir vor dem Start festgehalten, und sie waren bescheiden. Die Chance auf ein Bestehen auf wenigstens einem Instrument schätzten wir auf 20–25 %. Der Effekt war an Orders aus den späten 1990er-Jahren gemessen worden, bevor Algorithmen den Handel dominierten, und konnte seitdem verschwunden sein.

So haben wir es geprüft

Definition der runden Zahl. Eine für alle Instrumente, ohne Feinabstimmung: ein Vielfaches einer Schrittweite, die drei signifikanten Stellen des Kurses entspricht. Bei Gold oberhalb von 1.000 USD ergibt das ein Niveau alle 10 USD (1.850, 1.860 …). Beim breiten US-Index war es in den Testjahren eine Schrittweite von 10 Punkten, bei den Indizes, die in Zehntausenden notieren (dem deutschen, dem japanischen und dem US-Index aus 30 Großunternehmen), eine Schrittweite von 100 Punkten. Bei USD/JPY ergibt sich ein ganzer Yen (110,00, 111,00), also genau die „runde Figur“ aus Oslers Arbeiten. Separat haben wir zehnmal seltenere und „rundere“ Niveaus berechnet, zum Beispiel 1.900 und 2.000 bei Gold oder 13.000 und 14.000 beim deutschen Index.

Die Mechanik war dieselbe wie bei zwei anderen Tests von Niveaus (Kapitel 14 und Kapitel 15), damit sich nur die Quelle der Niveaus änderte:

  • acht Entscheidungen pro Tag zu festen Uhrzeiten, von Montag bis Freitag;
  • Richtung aus dem EMA50 auf H1: über dem Durchschnitt nur Käufe, darunter nur Verkäufe;
  • bis zu drei runde Zahlen in Handelsrichtung, höchstens 2 ATR(H1) entfernt, und zwar die tiefsten in Reichweite;
  • Stop 1 ATR(H1) hinter dem Niveau, also meist außerhalb der Zone, in der laut Osler die Stops anderer liegen;
  • die Position in zwei Hälften mit Zielen von 1 R und 2 R; die zweite Hälfte bekommt nach einem Gewinn von 1 R einen Stop auf dem Einstiegskurs;
  • eine Order lebt 240 Minuten, höchstens drei Entscheidungen pro Tag, Ausführungen und Ausstiege werden auf M5-Kerzen gerechnet.

Instrumente und Zeitraum. Gold, der breite US-Index, der US-Technologieindex, der US-Index aus 30 Großunternehmen, der deutsche, der japanische und der britische Index sowie USD/JPY. Die Jahre 2018–2023 waren die Lernstichprobe, der Zeitraum von 2024 bis September 2026 die Prüfstichprobe für einen einzigen Versuch, nur für Instrumente, die die Lernstichprobe bestehen.

Die Kosten waren der Median des Spreads aus Ticks der letzten 30 Tage, erhöht um Slippage. In Risikoeinheiten betrugen sie zwischen 0,9 % bei USD/JPY und 8,6 % beim britischen Index. Wie sich später herausstellte, waren sie bei Gold und USD/JPY zu niedrig angesetzt, weil die Tick-Historie den Kontoaufschlag nicht enthält (mehr dazu in der Lehre am Ende). Beim breiten US-Index und beim britischen Index waren die Kosten im Verhältnis zur Volatilität am höchsten, was wir vor dem Start als Warnung festgehalten haben.

Placebo und Kriterien. Das Placebo verschob jedes Niveau um 0,25–0,75 ATR, sodass es nicht näher als 0,1 ATR an irgendeiner runden Zahl lag, bei gleichbleibendem Abstand zum Kurs (200 Ziehungen). Vergleichsmaßstab war der Einstieg zum Marktpreis im Moment der Entscheidung, mit demselben Stop und demselben Positionsmanagement. Zum Bestehen war alles zugleich nötig: mindestens 100 Trades, ein PF von mindestens 1,25, ein PF ohne die drei besten Trades von mindestens 1,10, ein Vorsprung gegenüber dem Placebo und in der Permutation, der die Korrektur für acht Tests übersteht (Benjamini-Hochberg-Verfahren), mindestens 60 % der Jahre im Plus und ein besseres Ergebnis als der Einstieg zum Marktpreis. Die Uhrzeitkontrolle (Kapitel 2) war ins Skript eingebaut: Die Volatilitätsspitze bei Gold lag bei 13:30 UTC, also dort, wo sie liegen sollte.

Ergebnis

Lernstichprobe 2018–2023, durchschnittliches Ergebnis je Entscheidung nach Kosten:

Instrument ausgeführte Limits PF Limit Market p Placebo Jahre im Plus
Gold 1.852 0,93 −0,035 R −0,025 R 0,05 2 von 6
breiter US-Index 2.594 0,83 −0,097 R −0,066 R 0,82 0 von 6
US-Technologieindex 2.158 0,91 −0,050 R −0,025 R 0,23 1 von 6
US-Index aus 30 Großunternehmen 2.539 0,92 −0,040 R −0,010 R 0,85 2 von 6
deutscher Index 2.013 0,90 −0,052 R −0,001 R 0,75 1 von 6
japanischer Index 3.025 0,87 −0,068 R −0,039 R 0,035 1 von 6
britischer Index 3.002 0,85 −0,080 R −0,096 R 0,05 1 von 6
USD/JPY 908 0,88 −0,061 R +0,006 R 0,83 2 von 6

Kein Instrument kam in die Nähe der Schwelle von PF 1,25, die Prüfstichprobe haben wir deshalb nicht geöffnet. Alle acht Male lautete das Urteil KILL.

Auf drei Instrumenten (Gold, japanischer und britischer Index) schnitten runde Zahlen minimal besser ab als zufällige Niveaus: p Placebo zwischen 0,035 und 0,05. Bei acht gleichzeitigen Tests hätte das kleinste p jedoch unter 0,00625 fallen müssen, und keines kam dem nahe. Selbst dort, wo runde Zahlen das Placebo „schlugen“, verloren sie trotzdem Geld. Die Limit-Order schnitt auf sieben von acht Instrumenten schlechter ab als ein gewöhnlicher Einstieg zum Marktpreis. Die Ausnahme war der britische Index, wo der Einstieg zum Marktpreis von allen in der Tabelle am meisten kostete.

Funktionierten „rundere“ Niveaus besser?

Instrument gewöhnliche runde Zahlen: Trades / PF zehnmal seltenere: Trades / PF
Gold 1.659 / 0,93 193 / 0,96
breiter US-Index 2.350 / 0,82 244 / 0,85
US-Technologieindex 1.938 / 0,92 220 / 0,79
US-Index aus 30 Großunternehmen 2.269 / 0,92 270 / 0,99
deutscher Index 1.834 / 0,89 179 / 1,01
japanischer Index 2.772 / 0,88 253 / 0,86
britischer Index 2.721 / 0,88 281 / 0,67
USD/JPY 793 / 0,91 115 / 0,75

Die selteneren Niveaus schnitten auf vier Instrumenten besser und auf vier schlechter ab. Das beste Ergebnis, PF 1,01 beim deutschen Index, sind 179 Trades und null Gewinn. Es ist nicht zu erkennen, dass eine Zahl umso besser funktioniert, je „runder“ sie ist.

Warum es nicht funktioniert

Die Spur an Information ist kleiner als die Kosten. Runde Zahlen sind nicht völlig zufällig: Auf drei Instrumenten schlugen sie zufällige Niveaus an der Grenze der Signifikanz. Dasselbe Bild lieferten die Vortagesniveaus auf Gold (Kapitel 15). Das Niveau trägt ein wenig Information, aber zu wenig, um Spread und Slippage zu decken. Rechnete man die Kosten wieder hinzu, läge das Ergebnis je Entscheidung ungefähr bei null, zwischen etwa −0,05 und +0,01 R.

Die Limit-Order sammelt schlechte Ausführungen. Eine Order an einem Niveau in Trendrichtung wird dann ausgeführt, wenn der Kurs gegen den Trend bis zum Niveau gelaufen ist, und verpasst die Situationen, in denen er sofort in unsere Richtung ging. In Kapitel 14 zeigen wir diesen Effekt an drei Quellen von Niveaus zugleich: Die Limit-Order verlor dort gegen den Einstieg zum Marktpreis in 9 von 11 Vergleichen, und 7 dieser 9 betrafen gerade die runden Zahlen.

Auch die Richtung allein war leer. Der Einstieg zum Marktpreis in Richtung des Durchschnitts ergab einen PF von 0,83 bis 1,01. Es gab also keinen Vorteil, den eine runde Zahl hätte verbessern können.

Die Orders einer Devisenbank sind nicht unser Markt. Oslers Arbeiten beschrieben den Devisenmarkt der Jahrtausendwende, an dem Menschen Orders von Hand eingaben. Heute kennen Algorithmen dieselbe Literatur und können den Orderballungen an runden Zahlen zuvorkommen. Hinzu kommt, dass die Orders dort liegen, wo der Haupthandel stattfindet. Der Gold-Terminkontrakt notiert in der Regel einige bis einige Dutzend Dollar vom Kassakurs entfernt, „2.000“ auf dem einen Markt ist also nicht „2.000“ auf dem anderen. Das ist unsere Erklärung, keine Messung: Wir haben nicht geprüft, auf welchem Markt die Orders lagen, die den Kurs „halten“ könnten.

Für das Order-Raster auf Gold war das der zweite und letzte Anlauf. Nach den Vortagesniveaus, den runden Zahlen und dem Profil aus echtem Börsenvolumen (Kapitel 13), alle am selben Tag mit derselben Backtest-Engine berechnet, haben wir das Thema Limit-Orders an Niveaus endgültig geschlossen. Eine weitere Quelle von Niveaus für Limit-Orders testen wir nicht mehr.

Die Lehre für dich

Eine runde Zahl ist ein Ort, an dem Menschen Orders platzieren, aber kein Einstiegssignal. In unseren Daten ergab ein Einstieg per Limit-Order an einer runden Zahl in Trendrichtung ungefähr null vor Kosten und einen Verlust nach Kosten, auf jedem der acht Märkte.

So prüfst du das bei dir:

  1. Vergleiche das Niveau mit einem Placebo. Verschiebe jedes deiner „wichtigen“ Niveaus um ein halbes ATR in eine zufällige Richtung und berechne dieselbe Strategie. Ist das Ergebnis ähnlich, arbeitet nicht das Niveau.
  2. Vergleiche die Limit-Order mit einem Einstieg zum Marktpreis in denselben Momenten, mit demselben Stop und demselben Ziel in R. Ohne das weißt du nicht, ob das Warten auf das Niveau überhaupt etwas bringt.
  3. Rechne die Kosten als Prozent des Risikos. Bei Kosten von 8 % R muss die Strategie vor Kosten im Schnitt mehr als 0,08 R pro Trade verdienen, um überhaupt auf null zu kommen.
  4. Eine Definition für alle Instrumente. Wählst du das Instrument oder die Schrittweite der Niveaus, nachdem du das Ergebnis gesehen hast, misst du dein eigenes Glück und nicht die runden Zahlen.
  5. Prüfe die Kosten an echten Trades. Der Spread aus der Tick-Historie enthält den Aufschlag nicht, den bei uns das Konto hinzurechnet: Bei Gold und USD/JPY waren unsere Kosten in diesem Test zu niedrig angesetzt (Kapitel 3). Das Ergebnis wäre also noch schlechter.

Oslers Untersuchungen legen auch eine zweite, vorsichtigere Anwendung nahe: Setze deinen eigenen Stop nicht direkt hinter eine runde Zahl, denn dort ballen sich laut diesen Untersuchungen die Stops anderer. Genau das haben wir allerdings nicht getestet.

Markiere im Trading-Tagebuch, ob ein Einstieg an einer runden Zahl lag, und vergleiche diese Trades mit den übrigen. Der Rechner „Glück oder Vorteil?“ zeigt dir, ob der Unterschied über den Zufall hinausgeht.


Bildungsinhalt, keine Anlageberatung. Vergangene Ergebnisse sind keine Garantie für künftige. Wir beschreiben das Ergebnis unserer Rekonstruktion einer einzelnen, genau festgelegten Mechanik von Limit-Orders an runden Zahlen, auf Basis unserer Daten und unserer Handelskosten. Es ist keine Bewertung aller Arten, runde Zahlen zu nutzen.

Prüf das mit deinen eigenen Trades

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