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Strategie-Friedhof, Kapitel 1 — Fallen der Methode

Look-Ahead-Bias: Der Blick in die Zukunft im Filter des höheren Zeitrahmens

9 Min. Lesezeit · Veröffentlicht am 27.10.2026

Der gefährlichste Fehler in einem Backtest ist der, der das Ergebnis verbessert, denn nach ihm sucht niemand. In unserem Test von Kanalausbrüchen „kannte“ ein Filter aus dem Tageschart den Tagesschluss, bevor es ihn gab. Aus einem Ergebnis nahe null machte er eine Strategie mit PF 1,29, überstand unsere erste Korrektur und flog erst auf, als wir den Backtest Wert für Wert mit den Signalen vom Demokonto verglichen.

Zwei Abkürzungen, die wir verwenden: R ist das Ergebnis eines Trades in Risikoeinheiten (−1 R = ein Verlust in Höhe des Abstands zum Stop). PF (Profit-Faktor) ist die Summe der Gewinne geteilt durch die Summe der Verluste; PF 1,00 bedeutet ein Ergebnis von null, also noch keinerlei Gewinn.

Hypothese

Der Ausbruch aus dem Donchian-Kanal ist eine der ältesten Trendfolgeregeln. Schließt eine Kerze über dem höchsten Hoch der letzten N Kerzen, wird gekauft; schließt sie unter dem tiefsten Tief, wird verkauft. Die Idee hat eine Grundlage in der Fachliteratur. In einer Untersuchung von 4.128 Market-Timing-Strategien für Gold (Bartsch, Baur, Dichtl und Drobetz, Studie aus dem Jahr 2018) hielten nach der Korrektur für multiples Testen nur ausgewählte technische Strategien stand. Den Autoren zufolge verdienten sie vor allem daran, nach längeren Kursrückgängen aus Gold auszusteigen, also an Trendfolge. Jene Strategien arbeiteten mit Monatsdaten, nicht mit Stundendaten. Für unsere Version sind sie deshalb ein Hinweis, kein Beweis.

Unsere Version handelte auf dem Stundenchart (H1) und hatte einen zusätzlichen Filter, der die Übereinstimmung der Zeitrahmen verlangte. Ein Kauf war nur erlaubt, wenn auf M15, H1, H4 und D1 der letzte Schlusskurs über dem gleitenden Durchschnitt des jeweiligen Zeitrahmens lag, ein Verkauf nur im umgekehrten Fall. In ihrer stärksten Form lautet die Hypothese: Ein Stundenausbruch in Richtung des Tages- und des Vier-Stunden-Trends hat bessere Chancen, sich zu entfalten, als ein Ausbruch gegen den Trend. Das klingt vernünftig, und solche Filter werden allgemein empfohlen.

So haben wir es geprüft

Daten und Kosten. Wir nutzten neun Instrumente: Gold und acht Indizes (den deutschen, den japanischen, den französischen, den europäischen, den spanischen, den niederländischen, den Schweizer und den amerikanischen Nebenwerteindex). Die H1-Kerzen stammten aus den Jahren ab 2016; bei drei Instrumenten beginnt die Historie erst zwischen 2017 und 2020, weil sie erst ab dann verlässlich ist. Die Transaktionskosten waren eingerechnet. Der Ausstieg war mechanisch: ein fester Stop und eine Höchstdauer für die Position.

Erster Alarm und erste, falsche Korrektur (22.09.2026). Am Anfang stand die Frage, ob der Multi-Timeframe-Filter im Backtest dasselbe berechnet wie die Strategie auf dem Demokonto. Wir stießen auf die Zeile, die die Kerze des höheren Zeitrahmens auswählte. Der Code nahm die letzte Kerze, die vor dem Entscheidungszeitpunkt begonnen hatte. Wir korrigierten eine Zeile, und der Kommentar daneben lautete: „letzte vor der Entscheidung geschlossene Kerze“. Der PF sank um etwa 0,09, und erleichtert hielten wir fest: „Der Vorteil hat den eigenen Fehler überlebt.“ Nebenbei maßen wir, dass das Ergebnis ohne den Multi-Timeframe-Filter ungefähr auf PF 1,10 fällt. Die Schlussfolgerung lautete: Der Filter macht den Großteil des Vorteils aus. Auf Grundlage dieser Zahlen kam die Strategie auf ein Demokonto.

Zweiter Alarm (25.09.2026). Wir bauten ein Werkzeug, das jedes Signal vom Demokonto nimmt, es aus historischen Daten nachbildet und alle Werte vergleicht: den Kurs, die Kanalgrenzen, die Durchschnitte und die Abstände zu den Durchschnitten auf vier Zeitrahmen. Auf D1 stimmten die Werte nicht überein. Also zählten wir, wie oft der Backtest eine andere Kerze genommen hatte als die letzte geschlossene:

Zeitrahmen Backtest nutzte eine andere Kerze als die letzte geschlossene
M15 0 % der Entscheidungen
H1 0 % der Entscheidungen
H4 76,8 % der Entscheidungen
D1 98,3 % der Entscheidungen (17.783 von 18.085)

Die Korrektur vom 22.09. funktionierte nur dort, wo die Entscheidung genau auf den Beginn einer neuen Kerze fällt, also auf M15 und H1. Auf dem Tageschart fällt eine Entscheidung um 14:00 Uhr mitten in den Tag, die „letzte Kerze, die begonnen hat“, ist also weiterhin die heutige. In den historischen Daten trägt sie bereits ihren endgültigen Schlusskurs, einen Kurs, den um 14:00 Uhr niemand kannte.

Die richtige Regel ist eine einzige. Eine Kerze des höheren Zeitrahmens darf nur dann in die Entscheidung eingehen, wenn ihr Ende nicht später liegt als der Entscheidungszeitpunkt. Der Beginn der Kerze entscheidet darüber nicht.

Für alle, die eigene Backtests schreiben. Der Fehler sieht harmlos aus: „Nimm die letzte D1-Kerze, deren Eröffnungszeit vor dem Entscheidungszeitpunkt liegt.“ Richtig ist: „Nimm die letzte D1-Kerze, deren Eröffnungszeit plus Kerzenlänge nicht später liegt als der Entscheidungszeitpunkt.“ Beim Tageschart ist das der Unterschied zwischen „heute“ und „gestern“. Bei Handelspausen und verkürzten Handelstagen ist diese Regel konservativ; nimm im Zweifel die ältere Kerze. Achte auch auf die Konvention mancher Plattformen, bei denen die Kerze mit Index 0 die laufende und die mit Index 1 die letzte geschlossene ist. In einem Array mit historischen Daten gilt diese Konvention nicht, denn jede Kerze in der Datei ist bereits geschlossen, auch die, die zum Entscheidungszeitpunkt noch lief.

Unabhängige Kontrolle. Wir haben alles auf zwei Wegen nachgerechnet. Der erste war der korrigierte Backtest. Der zweite war eine separate Emulation, in der die Daten physisch bis zum Entscheidungszeitpunkt abgeschnitten werden, sodass die Zukunft im Speicher des Programms schlicht nicht existiert. Beide Wege ergaben in 99–100 % der Fälle dieselben Einstiege.

Danach haben wir dauerhafte Sicherungen eingebaut. Die erste ist ein automatischer Abschneidetest: 227 zufällig und geschichtet ausgewählte Signale × 44 Merkmale, alle identisch auf vollständigen und auf abgeschnittenen Daten; jede Abweichung bricht den Aufbau des Datensatzes ab. Die zweite ist der Abgleich mit den Signalen vom Demokonto: 9 von 9 ohne Abweichung nachgebildet. Außerdem hat ein unabhängiger Prüfer (ein anderes KI-Modell) den Code durchgesehen. Er fand weitere, kleinere Fehler, unter anderem einen beim Kauf doppelt gezählten Spread und eine unechte M5-Kerzenhistorie in den ersten Jahren. Darüber schreiben wir in den Kapiteln über Kosten und über Datenqualität.

Ergebnis

Mechanik und Daten waren dieselben. Der einzige Unterschied bestand darin, welche Kerze des höheren Zeitrahmens der Filter sieht.

9 Instrumente, ab 2016 mit Blick in die Zukunft korrekt (wie live)
Anzahl Trades 8.449 7.523
Summe der Ergebnisse +1.720 R +149 R
Durchschnitt je Trade +0,204 R +0,020 R
PF 1,29 1,03
PF ohne die 20 besten Trades 1,24 0,98

Nach Instrumenten aufgeschlüsselt sah der PF so aus: deutscher Index 1,52 → 1,14, japanischer 1,39 → 1,11, Gold 1,39 → 1,10, die sechs übrigen Indizes zusammen 1,19 → 0,96. Rund 91 % der Gewinnsumme stammten aus Informationen, die es zum Entscheidungszeitpunkt noch nicht gab. Ohne die 20 besten Trades liegt die korrekte Version im Minus.

Alle Zahlen dieser Strategie vom 22. bis 25. September haben wir für ungültig erklärt, einschließlich des zuvor „bestandenen“ Tests und der Schlussfolgerungen zur Art des Positionsausstiegs. Von da an war PF 1,03, also praktisch null, der Ausgangspunkt für alle weiteren Untersuchungen.

Warum es nicht funktioniert

Der Filter wurde zum Orakel. In der fehlerhaften Version bedeutete die Bedingung „kaufe, wenn der Tag über dem Durchschnitt schließt“ in der Praxis: „kaufe nur an Tagen, die über dem Durchschnitt schließen werden“. Ein Ausbruch nach oben an einem Tag, von dem man weiß, dass er stark endet, hat natürlich bessere Chancen. Der Backtest maß also nicht, ob der Tagestrend dem Ausbruch hilft. Er maß, ob das Wissen um das Tagesende hilft, im Tagesverlauf Geld zu verdienen. Und ja, das hilft.

Der Fehler lag auf der „guten“ Seite. Hätte die Zukunft das Ergebnis verschlechtert, hätten wir sofort nach der Ursache gesucht. Ein überhöhtes Ergebnis sieht aus wie ein Erfolg und wird deshalb weniger hinterfragt.

Die Korrektur haben wir an einem Kommentar überprüft, nicht an einem Beispiel. Auf M15 und H1 arbeitete die neue Zeile korrekt, ein kurzer Blick bestätigte also, dass „alles in Ordnung“ ist. Niemand nahm eine konkrete Entscheidung von 14:00 Uhr und prüfte von Hand, welche Tageskerze der Filter sieht.

Der Satz „der Filter macht den Großteil des Vorteils aus“ hätte uns beunruhigen müssen. Der stärkste Teil des Systems war genau der, in dem der Fehler steckte. Wenn ein einzelnes Element fast das gesamte Ergebnis erklärt, gehört genau dieses Element als Erstes auf den Prüfstand.

Live-Version und Backtest rechneten Verschiedenes. Die Strategie für das Demokonto war separat geschrieben, und sie nahm korrekt die letzte geschlossene Kerze. Ohne den Abgleich beider Seiten Wert für Wert wären die Live-Ergebnisse einfach „schwächer als der Test“ gewesen. Bei einer Trefferquote von 30–35 %, wie sie für Ausbrüche typisch ist, sieht eine Verlustserie lange wie gewöhnliches Pech aus.

Die Lehre für dich

Wenn deine Strategie irgendetwas aus einem höheren Zeitrahmen nutzt (den D1-Trend, das gestrige Niveau, die Wochenkerze, einen Indikator aus H4), ist im Backtest genau dieses Element am verdächtigsten. Plattformen und Bibliotheken definieren die „aktuelle“ Kerze unterschiedlich, und in historischen Daten hat jede Kerze bereits ihren Schlusskurs.

So prüfst du das bei dir:

  1. Protokolliere den Entscheidungszeitpunkt und das Ende jeder verwendeten Kerze. Bei jedem Trade aus dem Backtest muss das Ende der Kerze des höheren Zeitrahmens spätestens auf den Entscheidungszeitpunkt fallen. Es genügt, einige Dutzend zufällige Trades zu prüfen.
  2. Mach einen Abschneidetest. Schneide die Daten genau zum Entscheidungszeitpunkt ab, berechne die Indikatoren neu und vergleiche sie mit den Werten aus den vollständigen Daten. Jede Abweichung bedeutet, dass die vollständigen Daten etwas verraten.
  3. Vergleiche mit den Live-Signalen, Wert für Wert. Der Abschneidetest prüft den Code mit dessen eigener Definition einer „geschlossenen Kerze“. Einen Fehler in dieser Definition selbst findet erst der Abgleich mit dem, was die Plattform live oder auf dem Demokonto angezeigt hat.
  4. Prüfe die Korrektur an einem bekannten Beispiel, am besten an einer Entscheidung mitten in einer Kerze des höheren Zeitrahmens und nicht an einer, die auf deren Beginn fällt.
  5. Untersuche zuerst das Element, das am meisten zum Ergebnis beiträgt. Liegt die Strategie ohne Filter nahe null und ist sie mit Filter hervorragend, kommt der Filter als Erster in den Abschneidetest.

Halte im Trading-Tagebuch nicht nur das Ergebnis fest, sondern auch die Indikatorwerte zum Zeitpunkt des Einstiegs, denn nur mit ihnen lässt sich das Live-Ergebnis mit dem Test vergleichen. Sobald du eine Serie von Trades hast, zeigt dir der Rechner „Glück oder Vorteil?“, wie viel vom Ergebnis übrig bleibt, wenn man die besten Positionen herausnimmt, und wie breit das Unsicherheitsintervall ist.


Bildungsinhalt, keine Anlageberatung. Vergangene Ergebnisse sind keine Garantie für künftige. Wir beschreiben die Ergebnisse unserer Tests, auf Basis unserer Daten und unserer Handelskosten.

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